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Eine historische Aufarbeitung von Frau Ulrike Leopold
"Typische Lese- und Schreibfehler sind z. B. wortentstellende Buchstaben- und Silbenvertauschungen, Hinzufügungen, und Weglassungen. Bezüglich der Ursachen der Legasthenie liegen bis heute noch keine endgültig gesicherten Aussagen vor. Herkömmlich, aber nicht bewiesen ist die Annahme, dass sie durch Hirnschädigungen bzw. hirnorganische Reifeverzögerungen verursacht seien“.
(Wörterbuch für Erziehung und Unterricht, Peter Köck, Hanns Ott, Auer Verlag 1976, Seite 232)
Im Zuge meiner Recherchen bezüglich der historischen Entwicklung sah ich mich mit dieser Interpretation bezüglich Legasthenie konfrontiert. Tief betroffen und entsetzt vernahm ich diese beschreibenden Worte bezüglich Dyslexie.
Diese fatale und für viele Betroffenen schicksalsbedeutende Interpretation dieses Begriffes beherrscht noch heute das Denken von Menschen aller Gesellschaftsschichten. Daraus resultiert, dass unsere leistungsorientierte Gesellschaft aufgrund mangelnder Informationen und unexakten Wissens legasthene Kinder ungerechterweise ins Abseits stellt, sie ausgrenzt und ihnen einen steinigen, von vielen Misserfolgen geprägten Lebensweg vorgibt.
Eine Frage stellt sich zwingend:
Zu welchem Zeitpunkt wurden die ersten Notizen bzw. Forschungen über Legasthenie registriert, und wie wurde dieses Phänomen im Laufe der historischen Entwicklung von Pädagogen, Psychologen und Medizinern interpretiert und dargestellt?
Vorausschickend muss erwähnt werden, dass die Definition dieses Phänomens von Anfang an uneinheitlich gewesen ist, und die Terminologie der Legasthenie einem permanenten Wechsel unterworfen gewesen ist.
1945
Nach 1945 wurden die schulpsychologischen Beratungsstellen erstmals auf die Phänomenologie der Legasthenie aufmerksam.
In zahlreichen Publikationen kam es zu einer übereinstimmenden Symptombeschreibung der Dyslexie. (Dyslexie: griechisch, ”dys” und ”lexis” bedeutet: fehlerhafte Sprache, wobei Sprache im weitesten Sinne gemeint ist, geschriebene und gesprochene Sprache. Statt Legasthenie wird in allen anderen Ländern der Begriff Dyslexie verwendet) (Englisch: Dyslexia).
Bezüglich der Leseschwierigkeiten mit denen sich betroffene Schüler konfrontiert sahen, wird es immer offensichtlicher, dass es sich hierbei um eine ersichtliche Verschiedenheit von Typen und Formen handelt.
Die ersten bahnbrechenden Forschungsarbeiten im deutschsprachigen Raum sind den Psychologinnen Linder, Schenk- Danzinger und Kirchhoff zuzuschreiben.
1951
Linders Definition, die sie aufgrund von Untersuchungen bezüglich der Intelligenz von Schülern mit Leseschwäche formulierte, befreite endlich Legastheniker vom Stigma des Sonderschülers: “Unter Legasthenie verstehen wir eine spezielle, aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens (und indirekt auch des selbstständigen, orthografischen Schreibens) bei sonst intakter oder - im Verhältnis zur Lesefähigkeit - relativ guter Intelligenz“ (1951).
Die Legasthenie wird von der Psychologin eindeutig als Teilleistungsschwäche identifiziert und somit wird mit einem gängigen Vorurteil aufgeräumt, dass Schüler mit Leseschwierigkeiten an einem Intelligenzdefizit leiden.
1970
In den 70er Jahren wurde die Phänomenologie der Legasthenie um den Terminus Lernstörung, zusätzlich zum Terminus Teilleistungsschwäche erweitert.
Dr. Lotte Schenk-Danzinger, die dieser Problematik ein umfassendes "Handbuch der Legasthenie im Kindesalter" widmete, prägte den Begriff Legasthenie im deutschen Sprachraum. Schenk-Danzinger differenziert zwischen 2 Arten der Legasthenie:
1. Die literale Legasthenie (eine sehr seltene Schwerstform der Legasthenie)
2. Die verbale Legasthenie, von der gemäß neuesten Studien zwischen 10-15% der Gesamtbevölkerung betroffen sind.
Ein wichtiges Anliegen war ihr eine Einbindung der Ergebnisse von Dipl.-Psych. Dr. Edith Klasen, die gemeinsam mit anderen Autoren Therapiefälle näher untersuchte. Der Hauptschwerpunkt ihrer Forschungsarbeiten kann als vorwiegend symptomorientiert angesehen werden. Ferner setzte sie sich mit der von Valtin aufgeworfenen Frage der Milieuabhängigkeit bezüglich Legasthenie auseinander. Ein wesentlicher zu beachtender Aspekt, denn durch die Reihenuntersuchungen von unqualifizierten Personen wurde um 1970 folgender Trugschluss gezogen:
Probleme im Erlernen der Rechtschreibung seien milieuabhängig und Legasthenie sei ein Problem der Unterschicht. Man hatte es jedoch verabsäumt auch Lesetests durchzuführen.
1974
Die Unterteilung der Lese-Rechtschreibschwäche in die Legasthenie (spezielle LRS) und LRS geht auf Grissemann zurück. Eine graphische Darstellung der Arten und Formen der Legasthenie, Hans Grisseman hat dies in seinem Buch “Legasthenie und Rechenleistungen“, 1974 sehr übersichtlich definiert, sei allen, die sich mit der Phänomenologie der Dyslexie konfrontiert sehen, ans Herz gelegt.
1975
Durch die von Sirch (1975) und Schlee (1978), in Deutschland ausgelöste Anti-Legasthenie-Bewegung, entstand ein bis heute nicht wieder gut zu machender Schaden in der Erforschung und der gesellschaftlichen Aufarbeitung des Legastheniephänomens.
Sirch sah als die Ursache der Legasthenie nur eine fehlende didaktische Grundlage der Methode des Lesen- und Schreibenerlenens. Schlee forderte sogar eine Einstellung der Legasthenieforschung. Dadurch kam es zu katastrophalen Folgen für so manche betroffene Kinder.
1986
Auch die Legasthenie-Therapeutin Edith-Maria Soremba setzt Schwerpunktakzente in einem "Früherkennen und Frühbehandeln von unzureichenden Leselernvoraussetzungen im Anfangsunterricht" (1986/93). Sie fordert eine genaueste Beobachtung sämtlicher Kinder während des gesamten Erstunterrichts, da sich ihrer Meinung nach sehr früh optisch in den entsprechenden Beobachtungsrubriken Häufungen abzeichnen, die auf eine spezielle Lese- Rechtschreibschwäche hinweisen (Edith-Maria Soremba bedient sich bei der Beschreibung der Legasthenie überwiegend der Terminologie: Spezielle Lese-Rechtschreibschwäche).
Dipl.- Psych. Dr. Edith Klasen, eine Autorin, die in späterer Folge noch erwähnt wird, hingegen bedient sich bezüglich der Definition und Terminologie folgendermaßen:
“Weil Legasthenie nicht alle, sondern nur die schriftsprachlichen Lernfunktionen beeinträchtigt, spricht man auch von isolierter, spezifischer oder umschriebener Lese-Rechtschreib-Störung“.
Edith-Maria Soremba erwähnt im Laufe ihrer Erörterungen auch eine nicht zu unterschätzende Tatsache, dass sich manche Kinder bei Schuleintritt in einem Entwicklungsstadium befinden, in dem die Voraussetzungen für das Erlernen des Lesens und Schreibens noch nicht vollends gegeben sind. Diese Entwicklungsverzögerungen manifestieren sich zum Beispiel in der Problematik unterscheiden zu können, ob der "Henkel" einer Tasse nach links oder rechts zeigt. Diese Unterscheidungsschwierigkeiten zeigen die Kinder zum Beispiel auch bei den Buchstaben
"b-d", "p-q", "ei-ie" usw.
Unabdingbare Voraussetzungen für Buchstabenerkennungen sind:
1987
Bei der Frage bezüglich der Forschungsarbeiten der letzten zwei Jahrzehnte kommt man nicht umhin, den Namen der Grundschullehrerin und Dipl.-Psych. Christine Mann zu erwähnen. In einem Forschungsprojekt untersuchte sie in Zusammenarbeit mit anderen Grundschullehrerinnen die Gefahrenstellen und den Zeitpunkt, an dem Kinder dem Risiko ausgesetzt sind, eine Legasthenie zu entwickeln. Sie setzte ihren Schwerpunkt vor allem auf eine effiziente Arbeit im Unterricht im ersten Schuljahr, da im Anfangsunterricht des Lesens und Schreibens für viele Kinder die Weichen für Erfolg oder Misserfolg gestellt werden. Sie bietet konkrete Hilfen und Anleitungen an, um von Dyslexie betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, die Gefahrenstellen erfolgreich zu überwinden und weiterhin problemlos am Schriftsprachenerwerb teilnehmen zu können.
Ihre Devise: "Legasthenie verhindern", indem das Einsetzen von Maßnahmen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erfolgt, muss als ein probates und effizientes Mittel angesehen werden, um dem Leidensweg und vor allem dem gefürchteten Einsetzen der Sekundärproblematik (=psychische Probleme aufgrund permanenter Misserfolge) entgegenzuwirken.
Das Faktum, dass diverse Formen der Legasthenie existieren, wird von Christine Mann in folgender Weise interpretiert und katalogisiert:
1. Die Wortbildlegasthenie
2. Die phonologische Legasthenie
3. Die Oberflächenlegasthenie
Einige SchülerInnen sind bei Schuleintritt noch sprachverzögert, andere zeigen sich schwerfällig in ihren Bewegungen und Handlungen: Das können Hinweise für eine leichte Hirnfunktionsstörung sein, die sich fast in allen Fällen auswächst.
Diese spätentwickelten Kinder benötigen einfach mehr Zeit zum Lernen. Entscheidend für einen erfolgreichen und von unnötigen Frustrationserlebnissen freien Erstunterricht ist die Berücksichtigung der Entwicklungsverzögerung dieser Kinder und ein Anbieten von speziellen und individuellen Hilfen.
Während die beiden vorher erwähnten Autoren Hauptmerkmal auf eine Früherkennung bzw. ein möglichst schnelles Einsetzen von Lernhilfen und Förderung legen, gewährt Dipl.-Psych. Dr. Edith Klasen in ihrem Buch "Legasthenie - umschriebene Lese-Rechtschreibstörung" einen vielschichtigen Einblick in die Komplexität des Phänomens der Legasthenie. Die Palette, angefangen von der Definition der Legasthenie, der biologischen und auch genetischen Forschungen bezüglich dieser Phänomenologie, über diagnostische Verfahren, erstreckt sich hin bis zu praxisorientierten Ausführungen, die betroffenen Eltern Orientierungshilfen bei der Bewältigung des Problems Dyslexie anbieten bzw. auf eine spezielle Lese- und Rechtschreibschwäche hinweisen können.
Entscheidend über Verlauf einer Legasthenie ist die Einstellung des Umfelds gegenüber dem von Dyslexie betroffenen Kindes und wie schon oft erwähnt, ein rechtzeitiges und effizientes Einsetzen von professioneller Hilfe.
Bei der Diagnose Legasthenie muss jedoch eine klare Abgrenzung gegenüber folgenden Störungen vorgenommen werden:
Nach jahrzehntelangen Forschungsarbeiten, die sich im Grunde genommen über mehr als ein Jahrhundert mit einem stetigen Wechsel punkto Terminologie und Interpretation dieses Phänomens hinzogen, kann Legasthenie definitiv als eine anlage- oder entwicklungsbedingte Teilleistungsstörung des Gehirns angesehen werden. Diese Teilleistungsstörungen ("learning disabilities") können in folgende Schwierigkeiten kategorisiert werden.
Probleme im Erwerb und im Gebrauch:
a. der Sprache
b. des Lesens
c. des Schreibens
d. des Denkens bzw.
e. der mathematischen Fähigkeiten und Fertigkeiten (=Dyskalkulie)
1990
Die 90er Jahre, in Amerika "Das Jahrzehnt des Gehirns" genannt, brachten dank moderner Apparate und Methoden aufschlussreiche Ergebnisse hinsichtlich der hirnorganischen Lernfunktionen. Als einer der bedeutenden Hirnforscher dieser Zeit ist Dr. Albert M. Galaburda von der Harvard University zu nennen. Das Gehirn, welches noch lange Gegenstand medizinischer, biologischer und neurologischer Forschungen sein wird und in seiner Komplexität und Kompliziertheit wahrscheinlich nie zur Gänze durchleuchtet werden kann, zeigt doch dank moderner Medizintechnologie folgende Tatsache auf: Die relative Minderentwicklung oder Minderleistung der in der linken Hemisphäre (Hirnhälfte) liegenden Sprachgebiete der Legastheniker kann dank moderner Medizintechnologie definitiv auf Bildschirmen sichtbar gemacht werden.
Je mehr das Gehirn erforscht wird, desto deutlicher wird, dass bis dato nur Teilkenntnisse existieren, und diese erlauben keine vereinfachenden Theorien über die Entstehung der Legasthenie. Auch die Tatsache, dass sehr oft mehrere Generationen einer Familie von diesem Phänomen betroffen sind, rief die Gehirnforscher und Wissenschafter in Amerika auf den Plan. Aufgrund neuester Forschungsmethoden und Erkenntnisse erfolgt die erbliche Weitergabe dieser Anlage über mindestens zwei Chromosomen, nämlich dem 15. und dem 6. Diese Fakten basieren auf Untersuchungsergebnissen über Familien, in denen es je drei Generationen von Legasthenikern gab. Diese Erkenntnis kann als weiteres Indiz dafür gedeutet werden, dass es mehr als eine Ursache der Legasthenie gibt. Als ein nicht zu unterschätzendes Faktum bezüglich des Umgangs mit legasthenen Kindern muss die bewiesene Tatsache, dass zirka ein Drittel der von Dyslexie betroffenen Kindern als „hyperaktiv“ bezeichnet werden kann, angesehen werden. Die echte Hyperaktivität, in Nordamerika seit 65 Jahren Gegenstand von umfangreichen Forschungen, bedeutet: Anhaltende Bewegungsunruhe und Aufmerksamkeitsmängel sind als Krankheitsbild zu sehen.
In Anbetracht der Tatsache, dass legasthene Kinder durch enorme Leistungsschwankungen aufgrund ihrer differenzierten Teilleistungen auf sich aufmerksam machen, kann dem hyperkinetischen Syndrom in Zusammenhang mit Legasthenie nicht genug Beachtung geschenkt werden. Doch ist zwischen einer krankhaften echten Hyperaktivität und einer „Unruhe“, ausgelöst durch die nicht bewältigbare Anforderung mit Buchstaben- oder Zahlensymbole umzugehen, dringend zu unterscheiden.
Wohl wissend, dass die Medizin, inklusive ihrer Teilwissenschaften, ebenso wie die Genforschung auch in Zukunft im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten noch viele offene Fragen beantworten wird müssen, können zumindest folgende Kriterien, die Legasthenie betreffen, definitiv in den Raum gestellt werden:
· Zusammenhänge zwischen dem sozialen Milieu und einer speziellen (laut Dipl.-Psych. Klasen) LRS bei einem Kind wurden zwar vermutet und durch unqualifizierte Gruppentests "bestätigt", dennoch kann definitiv ausgeschlossen werden, dass ein Unterschichtsniveau als Auslöser für Legasthenie angesehen werden kann (vgl. Sommer-Stumpenhorst, 1999).
Legasthenie ist unabhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen.
Das Hauptproblem bei den von Dyslexie betroffenen Kindern ist die Identifizierung, Zuteilung und Umsetzung von Symbolen, daraus resultieren größte Schwierigkeiten beim Erlernen der für unsere Kultur so wichtigen Fähigkeiten wie die Beherrschung des Lesens, Schreibens und Rechnens.
Es bedarf noch intensiver Aufklärungsarbeit, um eine Akzeptanz in Gesellschaft, Kultur und ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Politik zu erreichen. Vor allem die Politik wird in Zukunft die Augen vor der Tatsache, dass zirca 15% der Weltbevölkerung bereits unter Legasthenie leidet, in den meisten Fällen spricht man von einer verbalen Legasthenie, eine schwäche Ausprägung, im Gegensatz zu einer literalen Legasthenie, eine Schwerstform, wo der Betroffene sich nicht einmal die Symbole merken kann, nicht verschließen können.
Ein an dieser Stelle bemerkenswerter Aspekt sei noch zu erwähnen. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Legasthenie als Entwicklungsstörung im Sinne des zehnten Internationalen Klassifikationsschemas (ICD- 10) für psychische Störungen anerkannt.
Die Langzeitfolgen einer nicht qualifiziert behandelten Legasthenie sind statistisch bewiesen. Eine "Schulkarriere" in Sonderschulen, somit eine minderwertige Ausbildung bei durchschnittlicher und oft sogar überdurchschnittlicher Intelligenz; bei späterer Jobsuche geringe Chancen für eine adäquate Arbeit; das Abrutschen in ein soziales Desaster, bedingt durch Arbeitslosigkeit, ist bereits vorgegeben; ganz abgesehen von der Tatsache, dass Legastheniker im schlimmsten Falle, aufgrund stetiger Misserfolge in Drogen- und Alkoholabhängigkeit und in kriminelle Kreise geraten können.
Ein Umdenken in Gesellschaft und Politik erscheint unumgänglich, eine Neuorientierung bezüglich der Positionierung des Stellenwertes des Phänomens Dyslexie wird "a la longue" nur durch permanente und konsequente Arbeit von qualifizierten Kräften zu erreichen sein.
Der sichtbare Erfolg bei der Förderung von Legasthenie betroffener Kinder wird die einzige Waffe sein, mit der die Vorurteile in der Gesellschaft bekämpft und ausgeräumt werden können und was noch wichtiger ist, den von Legasthenie betroffenen Familien die finanzielle Unterstützung und den Beistand zu gewährleisten, der ihnen gerechterweise zusteht.
Heute spricht man in Organisationen, wie der International Dyslexia Association im Zusammenhang mit Legasthenie, aufgrund der kreativen und technischen Fähigkeiten, die sich bei legasthenen Kindern offenbaren, von Talentsignal. Die Andersartigkeit und Verschiebung in der Begabtenskala der von Dyslexie betroffenen Kinder muss in das Bewusstsein aller Gesellschaftsschichten dringen, denn nur so wird es möglich sein, den von Legasthenie betroffenen Kindern die verdiente gesellschaftliche Akzeptanz zu gewährleisten.
Einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung dieser Vision kann Frau Dr. Astrid Kopp-Duller, Gründerin des Kärntner Landesverbandes Legasthenie, angerechnet werden. Ihre erfolgreichen Forschungsarbeiten in Amerika, Pionierland in Sachen Erforschung des Phänomens Dyslexie, ermöglichen es, legasthenen Menschen, besonders Kindern, die Hürden des Lesens, Schreibens oder Rechnens leichter zu überwinden. Sie hat mit ihren Mitarbeitern sehr erfolgreiche pädagogische Arbeitsprogramme für legasthene Menschen entwickelt, die in ihren Büchern "Der legasthene Mensch", "Legasthenie-Training nach der AFS-Methode" und "Dyskalkulie-Training nach der AFS-Methode" ausführlich erläutert werden. Sie verlangt erstmals die Förderung von legasthenen Kindern in drei Teilbereichen, der Aufmerksamkeit in Zusammenhang mit dem Schreiben, Lesen und Rechnen, das Training an den differenzierten Sinneswahrnehmungen, die man zum Schreiben, Lesen und Rechnen benötigt, und das individuelle und spezielle Training am Symptom, an den Fehlern, die das legasthene Kind macht. Besondere Bedeutung misst die Pädagogin dem Zeitfaktor bei: "Jedes legasthene Kind erlernt das Schreiben, Lesen und Rechnen, es benötigt dafür nur seinen Bedürfnissen angepasste Lehrmethoden und wesentlich mehr Zeit, als nichtlegasthene Kinder". Sie vermeidet es in Zusammenhang mit Legasthenie von Schwächen und Störungen zu sprechen und hat auch die Begriffe Primärlegasthenie - das ist jenes legasthene Kind ohne psychische und physische Probleme - und Sekundärlegasthenie - das ist jenes Kind welches von physischen oder psychischen Problemen zusätzlich zur Legasthenie betroffen ist - geprägt.
Die von Dr. Astrid Kopp-Duller im Jahre 1995 geprägte Definition:
"Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole, wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens", möge dazu beitragen, dass die noch immer vorherrschenden Vorurteile bezüglich Dyslexie "peu a peu" aus unserer Gesellschaft verdrängt werden.
1998
Der amerikanischen Legastheniewissenschaftlerin Dr. Sally Shaywitz, Professor der Yale University und Direktor des Yale Centers für Learning und Attention, gelang es 1998 die Legasthenie funktionell bei Hirnmessungen nachzuweisen. Wobei sie bemerkte, dass die Gehirnmuster legasthener Menschen signifikant anders sind, als die von nichtlegasthenen Personen.
2000
Die amerikanische Wissenschaftlerin Dr. Paula Tallal, seit 1988 Present Professor II and Co-Director des Center für Molecular und Behavioral Neuroscience an der Rutgers University, beschreibt das reibungslose Funktionieren der optischen und akustischen Sinneswahrnehmungen als unumgänglich Voraussetzung für ein erfolgreiches Erlernen des Schreibens und Lesens.