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Die Dyskalkulie gehört neben der Lese-Rechtschreib-Schwäche zu den bedeutsamsten
Teilleistungsstörungen, die bei Kindern und Jugendlichen einen wesentlichen Einfluss auf
die Schullaufbahn, aber auch auf die Persönlichkeitsentwicklung haben.
Bereits im Vorschulalter kann eine Rechenschwäche bei Kindern erkannt werden. Häufig
jedoch wird die so genannte Dyskalkulie von den Eltern erst dann bemerkt, wenn die
Kinder in der Schule schlechte Noten schreiben.
Für ein rechenschwaches Kind bleibt die Welt der Zahlen trotz ständigen Übens völlig
undurchschaubar. Das Kind versteht die Grundsätze der Mathematik nicht. Das
chronische Versagen in Mathematik tritt hervor, während in anderen Fächern
durchschnittliche bis sehr gute Leistungen vorkommen.
Ein Signal für die Rechenschwäche ist, wenn Kinder deutliche Probleme mit Zahlen und
Mengen haben. Das gilt insbesondere dann, wenn in anderen Bereichen die Leistungen
nicht auffällig sind. Kinder mit Dyskalkulie haben schon mit den Grundrechenarten
Schwierigkeiten, zählen fehlerhaft, haben mit dem Einmaleins Probleme und verstehen
Rechenoperationen nicht. Kinder könnten das zum Teil ausgleichen oder überspielen. Sie
können sich zum Beispiel merken, wie "6 + 4 = 10" geschrieben wird, ohne den Sinn zu
verstehen. Im Hunderterbereich oder noch höher wird das dann schwieriger bis unmöglich
und fällt auf. Manchmal wird die Störung daher auch erst in der 3. bis 4. Klasse deutlich,
wenn der 20er Zahlenraum überschritten, kein Anschauungsmaterial mehr verwendet und
die Zuhilfenahme der Finger nicht mehr geduldet wird.
Eine Rechenschwäche kann unterschiedliche Ursachen haben, die sich meist überlagern
und sich in Gruppen gliedern las en:
Organisch-neurologische Ursachen umfassen die körperlich bedingten, d. h. auf Hirnleistungsschwächen beruhenden
Störungen, das sind z.B. Schwächen in der visuellen Verarbeitung.
Der neuropsychologische Ansatz geht davon aus, dass Dyskalkulie eine
Teilleistungsschwäche ist, also eine umschriebene Entwicklungsstörung sehr
unterschiedlicher Funktionen, die nicht dem sonstigen Entwicklungsstand des
Kindes entspricht. Für das mathematische Lernen bedeutet dies, dass einer der
vielen Bausteine, die hierfür benötigt werden, nicht so funktioniert, wie er
eigentlich sollte bzw. dass er mit den anderen Bausteinen nicht richtig
zusammenwirkt. Zu diesen Bausteinen zählen z. B.: räumliche
Orientierungsfähigkeit, auditive und visuelle Wahrnehmung, Zusammenwirken
von Wahrnehmung und Motorik und Gedächtnis.
Dem entwicklungspsychologischen Ansatz liegt die Entwicklungspsychologie
von Piaget zugrunde. Hiernach erfolgen der Aufbau und die Verinnerlichung von
Zahlbegriffen und mathematischen Operationen in vier Phasen, wobei das Erreichen einer Phase Voraussetzung für die nächste Phase ist.
In der ersten Phase sind für mathematisches Verständnis noch konkrete
Handlungen mit realen Gegenständen nötig. Daher werden in der Schule
zum Erlernen der Grundrechenarten z.B. Rechenkästen mit Einerwürfeln,
Zehnerstangen etc.
In der zweiten Phase kommt die bildliche Darstellung hinzu. Mengen werden
zeichnerisch abgebildet und Operationen durch graphische Zeichen
veranschaulicht. Die Darstellung hält sich dabei noch eng an das
Darzustellende.
In der dritten Phase wird die Darstellung abstrakter; man spricht von
symbolischer Darstellung (z.B. mathematische Gleichungen als abstrakte
Darstellung von Ziffern und Rechenzeichen). Um die Bedeutung der
mathematischen Symbole zu verinnerlichen, müssen die jeweiligen
Operationen wieder auf die beiden vorangegangenen Stufen zurückgeführt
werden.
Als vierte und letzte Phase erfolgt die Automatisierung im Symbolbereich. Ist
man auf dieser Stufe angekommen, wird es leichter, komplexe Probleme zu
erfassen.
Es kann nun passieren, dass eine Phase gestört wird - und somit die
darauffolgenden Phasen nicht erreicht werden können. Wenn ein Kind z.B. mit
der abstrakten Darstellung von Zahlen und Operationen (dritte Phase) nicht
zurechtkommt, ist an eine Automatisierung (vierte Phase) schon gar nicht zu denken.
Psychische, emotionale, soziale Gründe:
durch das Umfeld des Kindes (Familie, Freunde, Erzieher, Lehrer) ausgelöst
Bei einigen Kindern sind Rechenprobleme auf depressiv bedingte Leistungsblockierungen,
angstbedingte Konzentrationsstörungen oder ein ungünstiges Selbstkonzept
zurückzuführen. Derartig bedingte Rechenstörungen stellen jedoch die Ausnahme dar.
Didaktische Ursachen:
Probleme bei der Vermittlung von Mathematik.
Häufig kommen Rechenprobleme dadurch zustande, dass das Kind bestimmte
Begriffe, Techniken oder Zusammenhänge noch nicht richtig verstanden hat.
Betrachtet man Schülerfehler etwas genauer, so wird man in vielen Fällen
feststellen, dass die Fehler nicht etwa willkürlich sind, sondern einer ganz
bestimmten Regelstruktur unterliegen. Diese lassen sich durch detaillierte
Fehleranalysen entdecken und somit auch leichter beheben,
Weiterhin können Rechenstörungen verstärkt werden durch:
Ein direkter Zusammenhang mit der Legasthenie genannten Lese- Rechtschreib- Schwäche (LRS) ist möglich, aber selten. Rund zehn Prozent aller Kinder in Deutschland leiden entweder an Rechenschwäche oder LRS. Obwohl die Häufigkeit mit der von Lese- Rechtschreibschwachen Schülern vergleichbar ist, ist die Rechenschwäche viel weniger bekannt. Laut einer Studie von 1993 sind etwa 6% der Schülerinnen und Schüler extrem rechenschwach und etwa 15% förderbedürftig. Im Unterschied zu allen anderen Teilleistungsstörungen ist das Geschlechtsverhältnis bei Rechenstörungen ausgeglichen oder sogar eher mädchenlastig
Oft vermutet man wegen einer Rechenschwäche, dass ein Kind dumm oder faul ist, und
ignoriert die überwiegenden und besseren Begabungen in anderen Bereichen. Dadurch
wird dem Kind der Mut und die Chance genommen seine Stärken kennen z u lernen. Das
Kind verliert sein Selbstwertgefühl. Die ständigen Misserfolge im mathematischen Bereich
beeinträchtigen das Lern- und Leistungsverhalten insgesamt, mit der nicht seltenen Folge,
dass die Leistungen in allen Fächern nachlassen. Depressivität, Schulunlust, sogar
Schulangst sind die Folge. Verhaltensauffälligkeiten, Kopf- oder Bauchschmerzen und
psychosomatische Beschwerden treten auf, Schulschwänzen oder bzw. und
Schulversagen sind die Folgen.
Nicht nur bei der Dyskalkulie, sondern bei allen Lernschwierigkeiten gibt
es einen Teufelskreislauf, der zur Entstehung, Aufrechterhaltung und
Verschlimmerung der Störung führen kann. Dazu ein Beispiel:
Als Monika in die Schule kam, war sie zu Beginn begeistert bei der
Sache. Nach und nach stellte sie fest, dass andere Kinder im Rechnen besser waren und
häufiger von der Klassenlehrerin belohnt wurden. Das machte Monika traurig, sie hätte
auch gern mehr Belohnungen und Zuwendung bekommen. Die Eltern und die
KlassenlehrerIn merkten, dass Monika ein Problem hatte, dachten jedoch, sie sei lediglich
unlustig oder unkonzentriert. Das vermehrte Üben mit Monika blieb erfolglos, was auch die
Eltern und die Lehrerin unzufrieden machte. In der Klasse wurde Monika bald gehänselt
wegen ihrer falschen Antworten in Mathe. Ihre Schwester, die in der Schule gute
Leistungen brachte, sollte und wollte ihr helfen. Da sie aber immer als gutes Beispiel vor Monika gestellt wurde, lehnte Monika aus Angst diese Hilfe ab.
Sie zog sich immer mehr in sich zurück, ihr Selbstwertgefühl sank rapide.
Den Förderunterricht in der Schule empfand Monika als Strafe. Sie bekam keine Erfolge,
weil sie dem Stoff nicht folgen konnte. Daher spielte sie sich bald zum Klassenclown auf,
um auf diesem Wege ein wenig Anerkennung zu bekommen. Dieses Verhalten war
anfangs auch erfolgreich und sie übertrug es auf den gesamten Schulalltag.
Monika versagte nun immer massiver bei Aufgaben in der Schule, aber auch bei den Hausaufgaben. Sie bekam Angst vor dem Lernen, was wiederum zu Stress, Lernblockaden und somit einer weiteren Verringerung ihrer Leistungsfähigkeit führte. Schriftliches Arbeiten versuchte sie wo es nur ging zu vermeiden. Die Hausaufgaben waren ein einziger Kampf, Schulsachen wurden vergessen oder gingen verloren, Aufgaben und Arbeiten wurden den Eltern verschwiegen. Die zunehmenden Misserfolge führten bei Monika zu Schuldgefühlen, und gute Leistungen, z.B. im Sport- und im Kunstunterricht, nahm sie bald gar nicht mehr war. Verstärkt wurde dies noch dadurch, dass Eltern und Lehrer selbst bei guten Leistungen eher sparsam mit Lob reagierten. Eine Veränderung wurde so fast unmöglich.
Dieses Beispiel macht deutlich, dass sich die Schwierigkeiten bei inadäquatem
Umgang mit der eigentlichen Schwäche recht bald nicht mehr auf diese Schwäche
beschränken, sondern dass weitaus dramatischere Wirkungen wie z.B. ein allgemeines
Schulversagen auftreten. Der Grund dafür ist, dass das Kind keine Möglichkeiten
zur Verfügung hat, die Lernstörung konstruktiv zu kompensieren.
Ganz wichtig ist es daher, dem Kind diese Möglichkeiten zu geben. In erster Linie
ist es von Bedeutung, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken und ihm dazu zu
verhelfen, seine Schwäche als etwas Normales begreifen und akzeptieren zu
können. Weiterhin ist es wichtig, dass die Beziehung des Kindes zu den Eltern bzw.
Lehrern sich nicht nur auf erbrachte Leistung stützt, sondern dass das Kind
unabhängig davon positive Zuwendung erhält und nicht unter Druck gesetzt wird.
Erst wenn das Selbstwertgefühl gestärkt ist und das Kind eine von der Leistung
unabhängige gute Beziehung zu Eltern und Lehrern hat, macht es Sinn, ihm
Fähigkeiten anzutrainieren, mit denen es seine Schwächen kompensieren kann. Wenn
diese wichtige Voraussetzung nicht gegeben ist, werden Problemschüler die zusätzlichen
Förderangebote lediglich als Benachteiligung oder Bestrafung erleben, sie deshalb nicht
annehmen und daher auch keine Fortschritte machen.
Neben den unterschiedlichen Fördermöglichkeiten ist deshalb auch die Unterstützung
durch die Eltern sehr wichtig. Sie sollten zulassen, dass ihr Kind Fehler macht.
Wenn Fehler zum Lernen genutzt werden, gewinnt das Kind an Einsicht und verliert die
Scheu, Fehler zu machen. Hat das Kind einen Fehler selbst gefunden, hat es mindestens
so viel Lob verdient wie für eine richtige Lösung. Die Orientierung an seinen Stärken gibt
einem Kind wieder neuen Mut zum Lernen.
Wichtig ist in jedem Fall, dass das Kind und nicht sein Problem in den Mittelpunkt der
Förderung gestellt wird und zunächst einmal sein Selbstbewusstsein gestärkt wird. Dies
kann durch spielen, malen, singen, turnen etc. geschehen. Da sic h das Vorgehen
grundlegend vom normalen Mathematik-Förderunterricht unterscheidet, kann der
Leistungsdruck des Kindes verringert und ein motivierendes Lernklima geschaffen werden.
Erst wenn dies realisiert werden konnte, wird mit dem eigentlichen Training der
mathematischen Fähigkeiten begonnen. In der Regel erfolgt das Lernen zunächst anhand
dreidimensionalem Lernmaterial; später werden Arbeitsblätter eingesetzt, und in einem
nächsten Schritt wird mit dem Kopfrechnen begonnen.
Ein normaler Schulunterricht wie auch klassischer Förder- oder Nachhilfeunterricht kann bei rechenschwachen Schülern nicht zum Erfolg führen, wenn standardisierte, auf eine Gruppe bezogene Verfahren zum Einsatz kommen und nicht an der individuellen Lernausgangslage angeknüpft wird. Entscheidend ist darüber hinaus die Prozessanalyse, mit der geklärt wird, welche Denkfehler den falschen Antworten des Schülers zugrunde liegen. Mit diesen Informationen können dann die Förderschwerpunkte Ihres Kindes im mathematischen Bereich bestimmt werden.
Der Trainingsplan wird auf der Grundlage einer multiaxialen Diagnostik erstellt. Vorrangig
werden Funktionsstörungen des Rechnens behandelt, das Kind und die Familie sollten
jedoch auch bei der psychischen Bewältigung des Problems unterstützt werden. Ein
spezifisches Training sollte ein- bis zweimal wöchentlich in Einzeltraining erfolgen und sich
an den individuellen Problemen des Kindes orientieren. Dabei sollte immer anschaulich
und mit mathematischen Inhalten gearbeitet werden. So können gute Erfolge erzielt
werden. Das Training erstreckt sich jedoch in der Regel über ein bis zwei Jahre, erfordert
also Geduld und Verständnis aller Beteiligten.
Wird das Training bereits frühzeitig in der ersten oder zweiten Schulklasse eingeleitet,
verbessert sich die Prognose deutlich.
Liegt eine Dyskalkulie-Diagnose vor sowie eine Stellungnahme des/der
zuständigen Lehrers/Lehrerin, so kann man die Übernahme der Kosten für die
Therapie beim Jugendamt beantragen.
Zusätzlichen begleitenden Fördermaßnahmen wie z. B.
Ergotherapie, psychomotorische Therapie, therapeutisches Reiten etc. helfen dem Kind
ebenfalls.
Autorin dieses Artikels: Ute Heidorn
Net: www.praxislerntraining.de